- Hallo Michi! Danke vielmals für dieses Interview! Es ist sehr wichtig, Dich zu unterstützen! Also beantworte die Fragen, die Du möchtest.
3 Monate sind vergangen, seit Dein Album KISKE veröffentlicht wurde. Wie hat die Presse es aufgenommen? Ich verfolge das nicht, deshalb weiss ich es nicht. Ich versuche mich nicht darum zu kümmern, aber nach dem, was ich von Zeit zu Zeit höre, läuft es gut. Es ist wichtig, daß es von Leuten gehört wird, die das Herz und das Verständnis dafür haben, dann wird es auch gut aufgenommen. - Das neue Album ist reichlich anders als Deine früheren Alben. Du hattest viel Zeit gehabt, es fertig zu stellen. Ich denke, Du hast ein gutes Ergebnis erzielt und ich denke, es ist vielschichtiger, obwohl die Songs überwiegend melodisch und persönlich sind. Es scheint, Du wolltest damit einen Eindruck Deiner Gelassenheit und Sicherheit, was Deine musikalische Richtung angeht, vermitteln. War das Deine Absicht?
Es ist mehr, nicht viele gezielte Absichten zu haben. Ich wollte letzte mentale Mauern und Grenzen einreissen und einfach die Dinge kommen lassen. Und es hat sehr gut funktioniert. - KISKE ist der Titel des Albums. Klingt nach Wiedergeburt. Oder täusche ich mich?
Sicher ist es ein neuer Abschnitt in meinem Leben als Musiker. Es klingt immer etwas spassig, wenn das jemand sagt, aber ich denke, ich bin als Mensch gereift, ebenso als Songwriter, und das macht sich bemerkbar. Das ist überhaupt der Grund, eine neue CD zu machen: Man hat künstlerisch etwas Neues zu erzählen. - Das Album ist zu 100% mit Freunden von Dir gemacht? Wie wichtig ist es Dir, ein Album in einem freundschaftlichen Umfeld aufzunehmen?
Ich will nie wieder etwas anderes machen. Ich will nie Mitglied einer Band sein, in der die Leute nicht den nötigen Respekt voreinander haben. Die Seele verleiht der Musik die Qualität, deshalb sind Seelen-Verwandte unerlässlich. - Welcher ist der repräsentativste Song des Albums für Dich und warum?
Ich habe meine Favoriten, aber es ist das Album als Ganzes, was es ausmacht. Es hat eine gewisse Kraft in einem Bereich, der mir überhaupt der wichtigste ist. Es ist emotional genau auf den Punkt gebracht; wenn man das so sagen möchte. - Warum „the world is sad“?
Weil sie ihre spirituelle Bedeutung verloren hat. So viele sind auf der Jagd nach Geld und Mammon, in dem Glauben das würde sie ausfüllen. Schau Dir Hollywood- oder Musik-Superstars an, wie sehr sie sich bemühen, als glückliche Millionäre rüber zu kommen, doch nächste Woche siehst Du Nachrichten darüber, daß sie schwere Depressionen und Krisen haben, oder Du hörst über Drogenmißbrauch etc..Alles sieht in unserer oberflächlichen Gesellschaft so gut aus, aber das ist nur die Fassade; wenn man genauer hinschaut, sieht man, daß unsere Gesellschaft bis in's Mark moralisch verdorben ist. Es ist eine lange Geschichte, aber schau Dir bloß mal die Jugend an! Da gibt es eine Menge Frustration und Deprimiertheit, die sich zu unterschiedlichen Auswüchsen, wie Wut Drogenkonsum und Satanismus transformieren ... . Die Welt ist wirklich in einem traurigen Zustand, weil sie vergessen hat, warum wir hier sind! - In „Sing My Song“ gibt es diese Zeilen: „Sing my song - it echoes hard to pinch a part of freedom - if you want it - get it tonight! ... if you don't want it - don't dare to sing my song!“. Ist das an die gerichtet, die sich selbst als Deine Fans bezeichnen?
Das zielt auf jeden, der versucht der Musik sein Ego auf zu zwingen, oder Musiker zu Sklaven seines begrenzten Musik-Horizonts zu machen etc.. Jeder der >der freien Rede der Musik< entgegen wirkt, sollte meine Songs nicht singen. Unser Verständnis von Kultur ist 'Geld'. Die Seele der meisten Musik heutzutage (unabhängig von der Musikrichtung) ist eine Geld-Seele. Die schlichte Essenz der Wahrheit in Musik, daß Kunst nur echt ist, wenn sie aus Freiheit geboren ist als wahrer Ausdruck des starken und guten Menschen, ist eine lahme Promotion-Lüge geworden. Dieser Song zielt auf jeden, der mich dafür hasst, daß ich bin wie ich bin und nicht jedemanns persönliche Hure. Aber der Song soll auch Musiker dazu ermutigen, wieder mit etwas Realem anzufangen. Das ist dringend notwendig! - Im Forum hast du eine Nachricht gepostet, die sich mit den Schatten der Vergangenheit befasst, in der Du sagst „Ich bin nicht von der Sorte Musiker, die 'Märkte bedienen'; ganz speziell keinen wie den unehrlich, kunstfeindlich und destruktiv gewordenen Metal-Markt“. Ich denke alle Musik-Märkte sind nicht mehr sehr frei. Labels wollen Geld verdienen, Geld und Geld ... und Künstler auch. Ist der Rock/Pop-Markt freier als der Heavy-Markt?
Nein! So einfach ist das nicht! Du kannst heute Ehrliches und Unehrliches in allen Musikrichtungen finden, aber nur im Metal wird so laut damit geprahlt, so ehrlich und wahr zu sein, aber dort herrscht (die meiste Zeit) genau die gleiche lahme Moral wie bei dem industriell gefertigten Boygroup-Mist: „Zielgruppen-Befriediger“. Viel zu viele Metalheads wissen doch noch nicht einmal, was ehrliche Musik überhaupt ist. Sie denken wenn du laut und asozial bist, daß dich das dann irgendwie „wahrhaftig“ oder „ehrlich“ macht, aber das ist nur ein dummer Irrtum unreifer Charaktere. Tatsächlich ist die Metal-Szene, in meinen Augen, eine der engstirnigsten und destruktivsten Musik-Szenen überhaupt auf der Welt! Und ich denke, ich weiss wovon ich spreche. Erlaubt man sich ein bisschen zu viel Freiheit und Kreativität, wird man von vielen regelrecht gehasst und ein „Verräter“ genannt. Wenn aber ehrlich zu sich selbst zu sein im Metal Verrat bedeutet, vielleicht ist ja dann Metal an sich ein Verräter??? ... Bands die >den Leuten geben, wonach sie verlangen< und ihre meistverkaufte Scheibe nur immer wieder reproduzieren, werden bejubelt, bekommen gute Kritiken und all das. Das ist nicht im Entferntesten das Verständnis, das ich von Kunst habe. Auch als Christ finde ich diese kranke Glorifizierung von Hölle, Tod und Teufel, Negativität und Brutalität, die im Metal so in ist, total zum kotzen. Aber ich will auch fair sein und anmerken, daß glücklicherweise nicht jeder Metal-Fan oder jede Metal-Band so ist. Auch da gibt es liebe und aufgeschlossene Menschen, und die hören sowieso nie nur eine einzige Musikrichtung. Und das sollte auch niemand tun! Es stumpft uns gegen Musik ab! Im Grunde gebe ich nichts auf Szenen oder Schubladen oder Stilrichtungen oder Kritiker; das ist alles bloß ein großer kunstfeindlicher Käfig. - Wer ist der perfekte Fan?
Der, der vom Musiker will und erwartet, daß dieser wahrhaftig ist und sich selbst ehrlich und frei zum Ausdruck bringt. Die gereifte Persönlichkeit, die gerne die Musik von starken und unabhängigen Individuen hört, um selbst damit und dadurch stärker zu werden. Das ist (ganz nebenbei) die eigentliche Bedeutung jeder Kunst-Kultur: Die Menschen besser und stärker zu machen! Und das geht nur, wenn Musik echt und spirituell lebendig ist. Unehrliche Musik ohne wahrhaftiges Herz macht uns genau so unehrlich und unwahrhaftig. Und in dem Grad, in dem die Musik, die wir anhören, eine Lüge ist, in dem Grad lernen wir durch sie zu Lügnern zu werden. Nichts bildet mehr als Kunst! Es ist nur, daß wir heute alle so verdammt oberflächlich sind! So viele glauben die Lüge, solange es sich damit bequem leben lässt und „der Konsumenten-Wunsch befriedigt wird“. - Ich besitze die Japan-Version von KISKE und darauf ist die Cover-Version von „Mary In The Morning“. Warum hast Du diesen Song gewählt?
Weil das einer meiner absoluten Lieblings-Songs von Elvis ist. - Was machst Du in Deiner Freizeit?
Ich studiere Philosophie und Anthroposophie und höre gute Musik. Ich gucke auch heroische Filme, wie: Braveheart, Königreich der Himmel, Alexander, Die Passion Christ, etc.. - Michi, das war's. Nun hast Du noch Gelegenheit, zu sagen, was Du noch sagen möchtest. Ciao und danke nochmals für das Interview!
Wenn die Leute, die sagen sie mögen Musik, JETZT nicht wieder anfangen, Musiker durch den Kauf ihrer CDs zu unterstützen, werden bald nur noch Millionäre oder solche, die von Major-Labels unterstützt werden, überhaupt noch in der Lage sein, tatsächlich CDs zu produzieren. Der Rest wird verdammt zu einem „Hobby-Musiker“- und „Wochenend-Krieger“-Dasein. Wenn man als Musiker mit seiner Musik nicht das nötige Geld verdient, ist man gezwungen sich einen normalen Job zu suchen um die Miete bezahlen zu können. Bei einer 6-Tage-Arbeitswoche bleibt aber nicht viel Zeit und Energie für die Musik übrig, also wird sie darunter leiden und am Ende sterben. Wenn die Menschen denken, Musik sei ihr Geld nicht mehr wert, wird sie billiger und billiger und flacher und flacher ... und dann werden gute Produktionen nicht mehr möglich sein. Und das Gute stirbt immer zuerst! Ich kann Euch versprechen, genau wie ich niemals unehrliche CDs machen werde nur um Geld zu verdienen, genauso werde ich KEIN Wochenend-Krieger werden; ich mache Musik 100%ig oder gar nicht. Ich will nicht anfangen schnelle, billige und schwache Produktionen zu machen. Wenn ich es nicht schaffe genug CDs zu verkaufen und unterstützende Freunde meiner Arbeit zu finden, dann werde ich früher oder später Platz machen für Leute, die das bereits erreicht haben. Musik-Fans müssen sich jetzt entscheiden, ob sie wollen, daß ihre Musiker in der Lage bleiben Musik zu machen, oder nicht. Weil es wird nicht funktionieren, wenn jeder sich so bald wie möglich für umsonst bedient. Nur weil man das Auto des Nachbarn stehlen könnte, heisst das ja noch lange nicht, daß man das auch tun muss! Ich finde es wirklich interessant zu beobachten, ob es überhaupt möglich ist, das Bewußtsein für unser Musikkultur-Problem wieder in die Herzen der Menschen zu bringen, oder nicht? Aufregende Zeiten in denen wir leben, mienst Du nicht? Alles Gute Michael Kiske
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